urbane galerie

Utopien heute (G)

Filomeno Fusco und Victor Kégli, 2002
Kunst im öffentlichen Raum
Kunstverein Ludwigshafen

Interview mit Filomeno Fusco und Victor Kégli
am 18.1.2002 in Berlin

Barbara Auer: Für das Projekt habt Ihr Euch einen richtigen Brennpunkt in der Stadt ausgesucht, die Passage zum Walzmühlcenter.
Warum dieser Ort?

Filomeno Fusco: Wir liefen durch die Innenstadt und bemerkten den hohen Leerstand. Am Ende der Einkaufszone kamen wir auf den Berliner Platz mit der Skulptur von George Rickey und wunderten uns über das dunkle Loch, das wir am Ende des Platzes entdeckten.
Victor Kégli: Das war wie das Tor zur Hölle.

B.A.: Ja, in der Stadtverwaltung wird die Passage auch als das “Tor zum Hades” bezeichnet.

V.K.: Wirklich? Diese Assoziation hatten wir auch sofort. Das erste was wir gesehen haben war die Hochstraße. Das Gefühl da geht's nicht weiter, das ist das Ende der Welt, diese Hochstraße war wie eine Grenze. Davor der Platz, wo man zumindest spürt, dass hier versucht wurde zu gestalten, die Einkaufszone etc. Doch dann ist die Stadt plötzlich zu Ende. Und gleich daneben ist richtiges Brachland. Man bemerkt ein dunkles Loch wie eine Kanalisation und man sieht die Menschen, die wie Insekten darauf zugehen und wir fragten uns, wohin die Leute gehen? Dieser Ort hat uns magisch angezogen. Wir fanden, dass dieser Ort, diese Idee, diese Utopie des urbanen, modernen Lebens, wo die Menschen in solche Trichter in solche Wurmgänge gezwängt werden, dass diese Utopie hier ad absurdum geführt wurde.

B.A.: Dazu muß man aber sagen, dass es sich bei der Passage mit der eingezogenen Wand um ein Provisorium handelt. Die zukünftige Passage ist mehr als doppelt so breit und soll mit dem darüberliegenden S-Bahnhof èber Rolltreppen verbunden werden. Nach neuesten Planungen soll der Bahnhof Ende 2003 erîffnet werden. Trotzdem existiert das Provisorium bereits Åber zwei Jahre, das halte ich auch für sehr problematisch, dass man einen Ort so lange in diesem absolut unwirtlichen Zustand belässt. Wie ist nun das Konzept zur “Urbanen Galerie” entstanden?

V.K.: Die “Urbane Galerie” zeigt Versatzstücke aus dem Leben. Sie ist ein Kunstraum, der Artefakte des Lebens aufzeigt. Die Reklametafeln, die Graffiti, die Mülleimer, die Bank. Diese Bilder und Werbetafeln, die für die Konsumenten gemacht worden sind, mit dem dekorativen Werbezweck, das ist Kunst für die Masse.
F.F.: Daraus ist die Idee entstanden, das Museum dort hinzubringen, in diesem Falle die Galerie als Kunstraum. Realistischer hätte man es nicht machen können. Wir übertrugen die Art der Präsentation von Kunst, wie in Museen oder Galerien üblich,auf diesen Ort. Die “Kunstwerke”, also alle Gegenstände, Werbeschilder und Bemalungen in der Passage, wurden neu ins Licht gesetzt und perfekt ausgeleuchtet. Wir reduzierten das ursprünglich grelle und kalte Neonlicht deutlich und ersetzten es durch warmes Licht.
V.K.: Die einzelnen Gegenstände wurden punktuell beleuchtet. Dabei beleuchteten wir alles gleichwertig, ohne dabei eine Wertung vorzunehmen. Egal ob es sich um eine PVC Tafel handelt, die Bemalungen direkt auf dem Bauzaun oder der Mülleimer und die Bank.
F.F.: Dann haben wir die einzelnen Arbeiten, wie im Museum üblich, betitelt und mit Schildchen versehen. Die Titel entnahmen wir den aktuellen Ausstellungen im Ernst-Bloch-Zentrum, Wilhelm-Hack-Museum und dem Kunstverein. Ein wichtiger Punkt war die Eingangssituation, die ja für jedes Museum, jede Galerie sehr wichtig ist. Wir übernahmen die für Museen typischen Transparente, wo wir die Institution, den Titel der Ausstellung und die Sponsoren nannten. Vor dem Eingang rollten wir einen roten Teppich aus, als Verweis darauf, dass man nun einen besonderen Raum, einen “heiligen” Ort, einen Kunstraum betritt. Als letztes installierten wir die Tonanlage unter der Decke, in Anlehnung an das Museum, wo man sich Kopfhörer ausleihen kann, um sich entsprechende Erläuterungen zu den Kunstwerken anzuhören.
V.K.: Ein weiterer Aspekt der Toninstallation war natürlich der Bezug zum Einkaufszentrum. Wir wollten eine Beschallung wie in einem Supermarkt erzeugen, imitierten aber nicht Werbetexte, sondern wählten Manifeste von Kènstlern aus dem 20. Jahrhundert aus, die, von einem professionellen Sprecher im neutralen Ton vorgetragen, den Raum beschallen sollten.

B.A.: Weshalb Texte von Künstlern und wie kam die Auswahl der Texte zustanden?

V.K.: Was uns dazu bewogen hat, auf Künstlertexte der Avantgarde des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen war, dass Künstler und Künstlerbewegungen wie z.B. Beyus, Duchamp, Futuristen, DaDaisten, PopArt sich mit dem Alltagsleben auseinander gesetzt haben, sie wollten Kunst für die Masse machen.
F.F.: Sie bemühten sich immer sehr um einen Dialog zwischen der Kunst dem potentiell Kunstinteressierten. Es war der Versuch, die Kunst dem Leben etwas näher zu bringen. Wir wählten dazu Texte, Manifeste und Reden aus, wobei eben das Problem darin bestand, dass die Manifeste die Masse letztendlich nicht erreicht haben. Auch eine gescheiterte Utopie! Man mußte ins Museum gehen, um das überhaupt zu hören und zu sehen, das heißt, man mußte den Schritt ins Museum erst einmal machen.
V.K.: Diese Texte gehen in Wirklichkeit an der Masse vorbei. Und so laufen auch die Menschen in der Passage an den Texten vorbei. Sie bekommen nicht richtig mit, was gesprochen wird, es sind nur Fragmente, die man hört. Die Verständigung klappt einfach nicht, auch wenn man es noch so sehr will.

B.A.: Zusammenfassend lassen sich drei Bedeutungsebenen ablesen: Die Arbeit wirft Fragen zu eklatanten städteplanerischen Entscheidungen auf. Zudem wird die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum thematisiert und damit einhergehend das Bemühen der Künstler die Kunst dem Leben zu näher zu bringen. Drittens wird heutige Bedeutung und Funktion von Museen und Kunsträumen in Frage gestellt.

V.K.: Wir wollten mit der Arbeit – und sie ist ja speziell für Ludwigshafen entstanden – den Begriff der Utopie in Frage stellen. Wir haben auch die Institution Museum in Frage gestellt, denn es ist ja auch eine Utopie, dort Kunst zu zeigen. Das Leben findet nicht im Museum statt. Sobald die Kunst ins Museum kommt, ist sie nicht mehr das, was sie eigentlich ausmacht. Dagegen steht unser Konzept: Kunst im öffentlichen Raum. Das klingt erst mal gut, aber im Grunde sind wir auch gescheitert, weil unsere Arbeit zerstört wurde. Der rote Teppich lag nicht einmal eine Nacht, dann war er verschwunden, ebenso die Schildchen, die innerhalb weniger Tage wieder abgerissen wurden. Wir versuchten mit der Arbeit, alles in Frage zu stellen, sehen aber im Endeffekt ein, dass es keine Lösung gibt, die uns von den Museen befreien könnte. Auch wenn viele Museen heute nicht mehr funktionieren, so sind sie die Orte wo die Kunstwerke nicht der Zerstörung ausgesetzt sind. Unsere Standpunkte haben sich durch die Arbeit auch relativiert.

B.A.: Seid Ihr schlußendlich mit eurem Projekt gescheitert?

V.K.: Die Arbeit spricht über das Scheitern, zum einen im Kunstkontext,aber darüber hinaus geht es auch um das Scheitern der Politiker, derGesellschaft und wenn man sich diesen Platz und das Walzmühl Centeranschaut, dann zeigt sich hier das Scheitern der Utopie der Städteplaner und Architekten.
F.F.: Dadurch dass wir uns für diesen Ort entschieden haben, haben wir inder Stadtverwaltung, beim Management des Einkaufszentrums und den Bürgernschon etwas bewegt. Es kam ja daraufhin auch zu Reaktion von Seiten derStadt und natürlich der Passanten. Während des Aufbaus sind nicht wenigeMenschen auf uns zugekommen, die meinten, dass hier endlich etwas getanwerden müßte. Es geht in der Arbeit um die Wahrnehmung und die Aktion. Esgeht nicht darum, ob den Menschen die Arbeit gefällt oder nicht, sondern esgeht darum, dass da etwas passiert ist.

B.A.: Die “Urbane Galerie” ist nach “weiss 104”, die vor zwei Jahren inBerlin auf der Schlo˙freiheit stattfand, Euer zweites gemeinsames Projekt.Auffallend ist, dass bei “weiss 104” die aktive Teilnahme des Publikums -das Waschen der eigenen Wosche auf dem Platz – wesentlicher Bestandteil derArbeit war. Die mit der Aktion verbundene eindeutig politische Aussage,hatte dennoch einen ou˙erst heiteren, witzigen Tenor. In Ludwigshafendagegen ist der Rezipient in der klassischen Rolle des passiven Betrachters,auch fehlt die humorvolle, ironische Seite. Die Arbeit ist anonymer. Hatsich Euer Ton in Ludwigshafen verschorft?

F.F.: Wenn ich das einmal ganz böse und subjektiv formulieren darf, dannist die Arbeit das Spiegelbild der Stimmung in dieser Stadt. Das soll sichaber nicht gegen Ludwigshafen richten. Das war einfach unsere Empfindung,unser Gefühl beim zweiten und dritten Mal als wir dort waren und es hat sichwährend des einwöchigen Aufbaus noch verstärkt. Bei den Menschen wardeutlich eine Hoffnungslosigkeit zu spüren. Insofern trifft die Arbeit schonden Kern. Im Grunde haben wir Blochs Gedankenwelt umgedreht. Wenn er vonHoffnung spricht, haben wir die Hoffnungslosigkeit gezeigt und nochverstärkt.

B.A.: Wäre es zu Reaktionen von Seiten der Passanten während des Aufbausgekommen, hättet ihr diese Ideen, Vorschläge aufgegriffen und in die Arbeitintegriert?

F.F.: Auf jeden Fall. Es hätte auch ganz anders ablaufen können. Wenn vomersten Tag an ganz viel passiert wäre und die Menschen viel offener mit derganzen Sache umgegangen wären, dann hätte sich vielleicht ein Miteinanderentwickeln können. So wie wir auch die Erfahrung bei “weiss 104” gemachthaben, wo sich viele Aktionen erst im Laufe der Zeit ergeben haben. Das warin Ludwigshafen leider nicht so, es kam gar nichts zurück. Diese eine WocheAufbau, die war richtig bitter.

B.A.: Gab es überhaupt keine Reaktionen von den Passanten während desAufbaus?

F.F.: Viele waren irritiert über die gesprochenen Texte, einige lasen auchdie Schildchen, schauten dann noch mal auf die Tafeln und gingen lachend,oder aber auch kopfschüttelnd weiter. Eine unheimlich interessanteBeobachtung machten wir, als wir den roten Teppich ausrollten, daveränderten sich auf einmal die Menschen in ihrer Bewegung das warunglaublich. Mehrere Menschen zum Beispiel gingen über den Teppich als seisie Mannequins,sie schwebten fast darüber. Die Kinder wollten sofort daraufspielen und schlugen Rad.Dieses Gefühl etwas Besonderes zu sein, diese Assoziation, die ein roterTeppich auslösen kann, das war einfach enorm. Deshalb finde ich es sehrschade, dass der Teppich nur so kurz dort lag.

B.A.: Die Idee Kunst und Leben miteinander zu verbinden ist nicht neu. DieProzesskènstler der 70er Jahre, mit den Protagonisten Josef Beuys, JochenGerz oder Bruce Naumann, griffen gesellschaftliche und soziale Themen auf,suchten nach einer Interaktion zwischen dem KÅnstler und Rezipienten. SeitMitte/Ende der 90er Jahre greifen junge KÅnstlerinnen und KÅnstler dieseKonzepte wieder auf. Stichwort Lebenskunstwerke (LKW). Wie positioniert Ihrin diesem Zusammenhang Eure Arbeit?

V.K.: Ich finde das Phänomen der “Lebenskunstwerke” ganz interessant. Ichspüre eine Tendenz, dass die Kunst, die man in Galerien sieht, im Grundeaustauschbar ist, es gibt keine Aussage, die ich dahinter erkenne. BeiLebenskunstwerken ist die Persönlichkeit des Künstlers präsent, er stelltsich mit seiner Meinung der Öffentlichkeit. Unsere Arbeit hat viel mitKommunikation zu tun, wobei es dabei immer um Alltagssituationen geht. Wirsagen unsere Meinung, setzten uns mit der Gesellschaft auseinander. Darumgeht es in einem sozialen Gefüge, um den Austausch von Meinungen.
F.F.: Ich kenne viele Künstler, die diesem Dialog suchen. Vielleicht ist esein Zeichen der Zeit, dass wieder ein Bedürfnis entstanden ist, auf dieMenschen zuzugehen. Man sucht neue Formen, selbst nach draußen zu gehen. Zueiner Arbeit im öffentlichen Raum gehören immer auch die Vorbereitungen undVerhandlungen im Vorfeld. Es müssen Hürden genommen werden, damit gerätbereits viel in Bewegung, sei es auf den Ämtern und in den Köpfen derMenschen. Das gehört mit zur Arbeit und ist Teil des Prozesses.

B.A.: Eine Frage zum Schluß Welche Utopien habt ihr für Ludwigshafen?

V.K.: Die geografische Lage von Ludwigshafen, das Rhein-Neckar-Dreieck istwirklich interessant. Die Stadt hat ein unglaubliches Potential, die direkteLage am Rhein, der Hafen. Man kann Ludwigshafen mit einem Forst vergleichen.Aber Ludwigshafen ist ein standardisierter Forst, ein Industrieforst. UmLeben in die Stadt zu bekommen muss eine Artenvielfalt entstehen. Hierherrscht im Grunde eine Monokultur. Dieses Beharren auf der Monokultur,darin sehe ich das Hauptproblem der Stadt.
F.F.: Es müßte – um in diesem Bild zu bleiben – ein Mischwald entstehen,der alles zusammenhält, der auch einen Zusammenbruch aushält. Würde zumBeispiel die BASF wegbrechen, wäre das katastrophal für die Stadt.Ludwigshafen muss alles dafür tun, Menschen in die Stadt zu bekommen. Esfehlt ein vielfältiges Angebot, z. B. junge Gastronomie, oderHandwerksbetriebe,Die Stadt hat im Grunde einiges zu bieten. Es ist schade, dass das Potentialso wenig genutzt wird, denn es gibt in Ludwigshafen ganz tolle Orte,leerstehende Gebäude etc. Warum geht man nicht zu den Künstlern in derRegion und bietet ihnen zu günstigen Preisen Ateliers an? Hier fehlenJugendliche und Erwachsene um die dreissig, die heute in den Städten eineaktive Rolle einnehmen. Ludwigshafen braucht Menschen mit einer positivenMoral, die etwas ändern wollen.